Reisetagebuch
Schweden
und Finnland 1959
von Marianne
Bohmhauer
Verlobung in Kopenhagen:
"... und tanzten bis 24 Uhr."
02.07. - 04.07.1959
2. Juli 1959
10:18 Skandinavien-Italien-Express. Nette Reisebegleitung mit 2 Schwedinnen, eine blonde und eine schwarze mit Zöpfen, und 2 Ägypter. Ich bin sehr gespannt auf unsere große Fahrt. Das erste Mal, daß ich eine so große Reise mache.
Mittags auf der Fähre von Großenbrode nach Gedser, stürmische Überfahrt, für 6 dkr. 50 Mittagessen, gutes Eis. Abends 19:50 Uhr in Kopenhagen. Altertümlicher Bahnhof, viele Fremde. Dansker Turisten-Vermittlung, nach langem Warten endlich Unterkunft in Privatquartier, hübsches großes Zimmer und nette Wirtin. „Herr Düwel like to drink Kafé, Frau Düwel like to drink Tea.“
3. Juli
Morgens Stadtbesichtigung: Fischmarkt, Schloßbesichtigung mit einer Finn. Gruppe, großer Prunk in den Hallen und Sälen, Bibliothek, Krönungssaal, Empfangshallen. – Anschließend Kirchturmbesichtigung. Herrlicher Blick auf København. Nachmittag geschlafen, abends im Tivoli, große Achterbahn, Wasserbahn, chinesischer Tempel und Theater, viele Spielhallen.
Im Pavillon bei der Musikhalle haben wir uns verlobt, ich darf jetzt für immer den goldenen Ring tragen, in den Kurts Name eingraviert ist. Zur Erinnerung an den herrlichen Abend im Tivoli schenkte mir Kurt eine kleine goldene Uhr mit weißem Armband. Wir waren sehr glücklich und tanzten bis 24 Uhr.
Postkarte Kurt, am 03. Juli gestempelt, an Erna Düwel Hannover Comeniusstr. 5 Tyskland
Liebe Mutti, liebe Vera,
Viele Grüße aus Kopenhagen, wo wir gestern Abend wohlbehalten angekommen sind. Es geht uns sehr gut, nur mit der Verständigung klappt es noch nicht so ganz. Nochmals viele Grüße senden Marianne + kurt
_______________________________________________________________________
Brief auf der Rückseite der Verlobungsanzeige von Kurt an Anni Bohmhauer
Kopenhagen, am 4. Juli 1959
Liebe Frau Bohmhauer,
Sie sind sicher sehr überrascht, jetzt gleich nach der Karte noch einen Brief aus Kopenhagen zu bekommen. Sie sind überrascht und, das hoffe ich nur, Sie sind uns nicht böse, daß wir diesen, unseren ersten gemeinschaftlichen Schritt, die Verlobung, so ganz in aller Heimlichkeit und ohne elterliches Wissen durchgeführt haben.
Bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse, daß ich noch nie vorher in aller Form um Marianne "angehalten" habe. Wir, Marianne und ich, sind uns schon so lange einig und haben daher alles vorbereitet, um die Verlobung in unserem Sinne durchzuführen. Ich glaube gerne, daß es für Sie nicht ganz einerlei ist, von der Verlobung ihrer ältesten Tochter erst durch einen Brief zu erfahren, aber ich glaube, daß Sie auch nichts dagegen hätten, wenn Sie Kopenhagen, diese wundervolle Stadt, erlebt hätten.
Wir haben uns gestern im Tivoli verlobt und anschließend dort "gefeiert". Wir haben unter wildfremden Menschen getanzt und waren sehr glücklich, weil wir dabei so recht erfuhren, was wir aneinander hatten.
Ich bitte Sie zum Schluß also nochmals, uns diese Art der Verlobung nicht übel anzukreiden und ich bitte Sie vielmehr, Marianne und mir auch in der Zukunft hilfreich zur Seite zu stehen.
Viele Grüße Ihr kurt
4. Juli
Vormittags Besuch des Schlosses Kristiansborg, Schloßwachen wie kleine Zinnsoldaten. Auf der Post stecken wir die 50 Verlobungsanzeigen und die Briefe an zuhause ein. Mittagessen in einer alkoholfreien Gaststätte, Würstchen, Kartoffeln und Salat, nachdem wir Milch und Brauserlimonade bestellt hatten, bekommen wir noch Nachtisch, Fruchtsuppe und Milch. Ja, man müsste Dänisch können.
Nach dem Essen sehen wir uns das Rosenslot an, und dabei werde ich so müde, daß wir nach längerem Suchen im Botanischen Garten Köbenhavn’s unser Mittagschläfchen halten.
Wir nehmen vom Bahnhof unser restliches Gepäck mit, frühstücken zuhause und legen uns bis abends ins Bett. Anschließend gehen wir wieder ins Tivoli, diesmal zum fotografieren. Anfangs etwas gedrückte Stimmung, später wieder heiterer. Gegen 11 Uhr verlassen wir den Vergnügungspark und fahren mit der Bahn zum Hafen raus, um auch der kleinen Meerjungfrau einen Besuch abzustatten und ihr in Wort und Tat zu versichern, daß wir nun verlobt sind.
Über Lund nach Örebro–
„… und die Verständigung klappt
mittels Esperanto wunderbar.“
05.07. - 09.07.1959
5. Juli
Wir packen unsere Sachen und verabschieden uns von Frau B. und Kopenhagen, von der gemütlichen, wohlgenährten Stadt mit den gesundaussehenden vergnügten Dänen und ihren alten Fords.
Um 12 Uhr mittags fahren wir mit der „Örn“ nach Malmö, von hier mit dem Zug weiter bis Lund. Das erste schwedische Gespräch mit einer Schwedin, die sehr viel und freundlich redet, von der wir aber nur einige Worte verstehen und anstandshalber immer mit „ja“ und „nein“ antworten.
In Lund werden wir von Kerstin und Okå abgeholt. Wir stellen unser Gepäck in Kerstins Zimmer u. machen uns auf ins Vandrahem. Es ist jedoch noch geschlossen und so machen wir einen längeren Spaziergang durch den Stadtpark.
6. Juli
Wir fahren vormittags zum Baden nach Lomma, 2 dtsche. Lehrerinnen, die auch im Vandrahem übernachten, nehmen uns mit.
Nachmittags besuchen wir Lund’s Kulturen, ein großes Freilichtmuseum mit alten interessanten Bauten und Gebrauchsgegenständen, sowie Wohnstuben der Bauern, Bürger und Herrenleute.
Abends machen wir bei Kerstin noch die Bekanntschaft mit 2 Deutschen Mädchen, die in Schweden arbeiten.
7. Juli 1959
Heute geht’s weiter nach Örebro, wir fahren von morgens um 10 bis abends um 18 Uhr. Die Fahrt war durch die große Hitze doch sehr anstrengend. Als erstes suche ich in Örebro die Post auf, um Neues von daheim zu hören, denn es kommt mir so vor, als wären wir schon wochenlang unterwegs. Als ich wiederkomme, macht Kurt mir die freudige Mitteilung, daß er ein Esperanto-Schild in der Nähe des Bahnhofs gesichtet hat. Ich rufe bei der aufgeführten Adresse an, und wir werden eingeladen, im Garten des Ehepaares L. zu übernachten. Unsere gute Laune klettert um einige Grade höher, als wir in der vornehmsten Gegend Örebros aussteigen. Wir werden sehr freundlich von Frau L. begrüßt, nachdem wir unser Zelt im Garten aufgestellt haben, mußten wir mit ihnen Kaffee trinken. Herr L. ist sehr spaßig, nie weiß man, wann bei ihm Spaß oder Ernst ist. Sie haben einen Sohn namens Oka, der in Kurts Alter ist und außerdem zum Abend ein deutsches u. ein amerikanisches Mädchen von Bekannten zu Gast.
8. Juli
Wir holen die Boote u. den nachgesandten Kompaß vom Zoll und bauen unsere Boote im Garten auf.
Am späten Nachmittag bekommen wir bei L. unser erstes schwedisches Mittagessen. Es schmeckt uns ausgezeichnet. Abends machen wir mit Fam. L. und einem anderen schwedischen Ehepaar, die ebenfalls Esperantisten sind, eine Stadtrundfahrt, bei der wir auch den Örebroer Wasserturm besichtigen. Von hier haben wir einen herrlichen Ausblick auf die Stadt und die Umgebung. Wir sehen zum 1. Mal den Hjälmaren, auf dem wir am nächsten Tag unseren Weg nach Stockholm beginnen wollen.
In einem Ausflugslokal in der Nähe Örebros trinken wir Kaffee. Es ist ein herrlicher Abend und die Verständigung klappt mittels Esperanto wunderbar.
9. Juli
Wir sehen uns vormittags Örebro an, fotografieren das Schloß, d.h. Kurt macht das, ich kaufe in der Zeit Erdbeeren und Eis. Nach gemeinsamen Mittagessen bringt Herr L. unsere Sachen im Auto zum Örebroer Kanuclub, wo wir auch von Fam. F. auf das herzlichste verabschiedet werden. Zum Andenken schenken sie uns eine hübsche Leinendecke mit schwed. Blumen bedruckt.
Gegen 9 Uhr abends etwa sitzen wir endlich in unseren Booten, und auf geht’s auf die großen Seen Schwedens.
Es ist ein Erlebnis bei Sonnenuntergang zum ersten Mal die großen Seen Schwedens zu sehen. Kurt fährt im Knirps wie ein Schatten an mir vorbei. Man kann nur noch die Umrisse erkennen. Gegen 11 Uhr kommen wir zu einer Insel, sie ist eine Zelt- und Clubinsel des Örebroer Kanuclubs. Sehr schön, aber Mücken, Schwärme von Mücken. Wir müssen das Weite suchen.
Über Seen, Kanäle und Flüsse Richtung Stockholm – „Die Seen sind weit und groß. Kaum kann man die Ufer erkennen.“
10.07. - 20.07.1959
10. Juli 1959
Gegen 12 Uhr sind wir ziemlich müde, auch können wir ohne Licht den Kompass nicht mehr erkennen. Wir fahren zur nächsten Insel. Geschrei und Gekrächz aufgeschreckter Vögel empfängt uns, wildes Durcheinander von Gestrüpp u. Steinen und abermals Mücken!! Aber wir sind zu müde, um uns daran zu scheren. Wir schlagen nur das Mückenzelt auf u. bald holt der Schlaf sich sein Recht. Wenn nur die dummen Möwen und Seeschwalben nicht so erbärmlich schreien wollten. Nach unruhigem Schlaf wachen wir gegen Morgen auf. Dunkle drohende Wolken am Himmel. In aller Eile müssen die Sachen zusammengepackt werden. Ein wilder Sturm bricht los. Und dann ein Platzregen. Jetzt sind wir hellwach. Nach 20 – 30 Minuten erreichen wir einen schmalen Sund. Es regnet noch immer. Wir schlagen unser Zelt im Regen auf. Es ist wohl 5 Uhr morgens. Nachdem wir noch das Mückenzelt aufgebaut haben, schlafen wir den Schlaf der Gerechten bis Nachmittags. Dann werden wir von 3 Schweden geweckt. Sie laden uns ein, in ihrem Clubheim ein „Kop Kafé“ zu trinken. Das lassen wir uns nicht 2 mal sagen. Es ist eine lustige Unterhaltung. Gegen Abend kommen 5 Kanuten aus Hagen /Westf. an unserem Zeltplatz vorbei. Sie können es gar nicht fassen, uns hier zu sehen, denn sie dachten als einzige die Strecke zu fahren. Wir laden sie zu einem gemeinsamen Bad ein.
11. Juli
Wir fahren früh los. Die Seen sind weit und groß. Kaum kann man die Ufer erkennen. Es ist starker Gegenwind. Obwohl die Sonne vom Himmel brennt, müssen wir Trainingsjacken anziehen. Gegen Mittag landen wir auf einer Ameiseninsel. Herrlich zum Baden, aber nicht zum Zelten. Gegen Abend wollen wir weiter. Uns bleibt fast die Puste weg, solche Wellen und solch starker Gegenwind! Jede Welle geht übers Boot. Wir müssen einen anderen Kurs einschlagen, da die Wellen zu stark u. hoch für die leichten Boote sind. Ziemlich nach 2 Stunden erreichen wir ganz durchnäßt eine Insel, Valen. Ein Fischer ist in der Nähe. Wir fragen, ob wir zelten dürfen. Er ist sehr freundlich. Nach kurzer Zeit kommt auch seine Frau, eine behäbige, gutmütige Bäuerin mit ihrer Schwester. Die Schwester spricht etwas Deutsch. Sie laden uns zum Kaffee ein. Aber wir lehnen dankend ab, denn wir sind froh, nach diesem Tage schlafen zu dürfen.
12. Juli 59
Heute ist Sonntag. Ich hole von dem gastlichen Bauern Milch, Eier und Butter. Heute morgen lassen sie jedoch nicht locker. Wir müssen mit ihnen Kaffee trinken. Wir verstehen kaum ein Wort, doch sie sind sichtl. über Besuch erfreut.
Es ist ein herrlicher Tag. Nachmittags fahren wir zu einer Insel, die nur von Möwen und Seeschwalben bewohnt ist. Überall finden wir Eier u. ganze Gelege von Seeschwalben. Die kleinen sind sehr niedlich, so unbeholfen u. linkisch in ihren Bewegungen. Ich möchte sie am liebsten zum Andenken mitnehmen.
Zum Abendessen mache ich Spiegeleier, gebraten in guter schwed. Butter. Es sind die wohlschmeckendsten, die wir bisher gegessen haben. Das Wasser, der Wind u. die Luft machen hungrig. Über Appetitlosigkeit können wir nicht klagen. Als Kuddi Flötentöne blies, tanzte sogar ein Igel, der uns abends besuchte.
13. Juli
Heute geht’s weiter über den Hjälmaren in den Hjälmarenkanal. Die Landschaft wird etwas freundlicher, nicht mehr so rau und wild wie zuerst. Der Kanal ist sehr schön, die Wälder gehen bis dicht ans Wasser. Ganz am Kanal entlang stehen hübsche junge Birken. Wir finden einen herrlichen Zeltplatz auf einer kleinen Insel.
14.7.
Heute sind einige Schleusen zu überwinden, d.h. Treppenschleusen. Wir kommen in den Arbogaån u. haben prima Rückenwind 16 km lang. In Kungsör haben die Geschäfte leider schon zu. Wir bekommen nur Brot u. Milch. Auf der Insel Rödko im Mälaren zelten wir. Sie ist zugleich Clubinsel des Kungsörer Kanuclubs.
15.7.
Bis Kvicksund ist es nicht weit, aber die Sonne brennt nur so vom Himmel u. wir sind ziemlich faul. Kuddi lernt seinen Hut schwimmen u. beweist mir, daß er noch im nassen Zustand seine Form behält.
Wir sind sogar zu faul um Mittag zu machen u. auszusteigen. So fahren wir bis abends spät. Wir werden allerdings mit einem wunderschönen Zeltplatz belohnt. Der Zeltplatz liegt auf einer kleinen, mit Bäumen bewachsenen Insel, die mehr einer Schäre ähnelt. Kurt muß zwar Steine auf die Häringe legen, damit bei Sturm unser Zelt nicht wegweht, trotzdem, wir fühlen uns wie Könige in ihrem Reich. Hier können wir auch ohne Zeug baden. Wir haben uns eine kleine Wasserrutschbahn gemacht. Die Felsen sind so glatt u. gehen so sacht ins Meer, daß es ein Vergnügen ist, darauf ins Wasser zu rutschen.
17.7.
Wir hatten ein paar schöne faule Tage auf unserer Insel. Gestern abend waren wir noch kurz auf Schloß Sundbyholm. Es war recht enttäuschend. Alles so auf Schau. Von Vergangenheit u. Geschichte keine Spur. Eine Gaststätte war der Ersatz für unser „Schloß“ Sundbyholm.
Heute ist mir und auch Kurt die Fahrtstrecke sehr lang geworden. Im Anfang war es noch schön. Die Karte stimmte mit jeder kleinen Insel u. Schäre überein. Es machte uns Spaß, zwischen den vielen hübschen Inseln den rechten Weg zu suchen. Einmal war eine Durchfahrt ganz mit Schilf u. wunderhübschen Seerosen zugewachsen. Wir mußten umkehren. Später, als wir wieder auf freies Wasser kamen, hatten wir ständig Gegenwind. Und dazu die Sonne. Gegen 5 Uhr nachmittags waren wir beide ziemlich erschöpft u. hatten Hunger. Nur der Gedanke, abends beim Bauern Milch zu kaufen um Haferflocken kochen zu können, hob meine Stimmung wieder etwas. Wir bekamen ja auch tatsächlich Milch, nur die Haferflocken langten nicht ganz nachdem Kurt sie umgeschüttet hatte.
Ein kleiner Spaziergang vorm Schlafengehen zeigte uns, wie der schwed. Bauer auf einer Insel lebt. Sein größter Reichtum ist der Wald u. der Fischfang. Die Äcker sind hier nur sehr spärlich.
18.7.
Die Landschaft ändert sich etwas. Die Inseln steigen steil aus dem Wasser, so daß unser Wasserweg wie ein schmaler Fjord anmutet. Uns war heute morgen plötzlich aufgegangen, daß heute Sonnabend ist, und daß wir kaum noch was zu essen haben. Wir mußten uns also beeilen, bis Mittag noch zum Kaufmann zu kommen. Auf unserer Karte war eine Hauptverkehrsstraße eingezeichnet. Etwa 6 km weiter mußte ein Dorf liegen, es war auch eine Kirche eingezeichnet. Als wir an der Straße waren, war es schon ziemlich spät. Die einzige Möglichkeit, hintrampen, gesagt, getan. Kurt nimmt meinen Kuddel in Schlepp u. ich ziehe los. Jedes Auto, wenn schon mal eins kam, besetzt. Sowas blödes, und dann bei der Hitze. Gottseidank verließ mich meine gute Laune u. mein Humor nicht. Nachdem ich so 6 – 7 km gelaufen war, erblickte ich einen Kirchturm, das also musste Aspö sein. Von Dorf war allerdings keine Spur. Wie gesagt, die Kirche, drei Bauernhöfe, ein paar Briefkästen u. ein Telefonhäuschen waren alles. Auch mußte es schon 13 Uhr sein. Was machen? Plötzlich kommt ein dtsch. VW, hält u. ein jüngerer Mann fragt mich „Sprechen Sie deutsch?“. Ich hätte am liebsten „nein“ gesagt, aber dafür war die Lage zu schlecht. So gab ich denn schnell zu erkennen, daß auch ich Deutsche war. Der junge Mann, aus Stuttgart u. mit Auto u. Aerias (?) unterwegs, suchte gleich mir einen Kaufladen. Als wir noch so standen, kam wiederum ein Auto, VW versteht sich. Ein Mann steigt aus u. fragt: „Sind Sie Deutsche?“ - „Ja, aus Stuttgart, aus Hannover.“ - „Ich bin auch Deutscher, aber mit einer Schwedin verheiratet u. habe hier ein Sommerhaus. Wir wollen gerade einkaufen.“ Mir fiel ein Stein von der Seele. Der Kaufladen lag noch mal etwa 10 km weiter an einer Hauptverkehrsstraße. Ich hätte lange suchen können. Aber so etwas gibt’s in Schweden gratis.
19.7.
Heute ist Sonntag. Wir haben einen hübschen Zeltplatz auf der Insel Grönso. Morgens wasche ich etwas, gegen nachmittag machen wir einen Spaziergang. Die Wälder sind so wild u. urwüchsig wie ein Urwald, abgestorbene Bäume liegen quer in der Gegend. Kommt man vom schmalen Weg ab, findet man sich nicht mehr zurecht. Wir haben uns verlaufen. Hier im Wald spürt man auch nicht mehr die Windrichtung. Nach längerem Suchen sehen wir weit unter uns ein Stück bebautes Feld liegen. Wir schlagen uns bis dahin durch und laut Karte finden wir nun auch den Weg zurück.
20.7.
morgens: großes Unglück, Kuddi ist von einem Wespenlöwen gebissen. Das glaubte ich aber nur, als ich mir einen Stock suchte u. ihm zuhilfe laufen wollte. Er hatte in ein Wespennest getreten u. war von einer süßen, kleinen Wespe gebissen. Ich verarztete ihn sogleich mit Jod. Jod ist ja bekanntlich gegen alles gut.
Nachmittags kommen wir nach Adelsön. Adelsön ist eine geschichtlich wichtige Stätte gewesen, wo auch heute die Überreste alter Burgruinen zu sehen sind. Auch hat Adelsön eine hübsche alte Kirche mit einem ganz altenholzgeschnitzten Opferstock. Gegenüber liegt die Insel Björkön, die im Altertum den bedeutendsten Platz Schwedens eingenommen hat. Hier lag in vergangener Zeit die Stadt Birka, in der Ansgar, der Apostel des Nordens, die erste schwed. Gemeinde um 800 gründete. Weite Hügelgräberfelde und Festungsanlagen sind Zeugen dieser vergangenen Zeit. Abends entdeckten wir zwischen den Gräbern einige wilde Kirschbäume, an deren Früchten wir uns gütlich taten.
Stockholm – „... das Grau der Stadt
war untergetaucht in strahlendem Licht der
Leuchtreklame.“
21.07. - 24.07.1959
21.7.
Heute ist der letzte Tag auf den schwedischen Seen. Heute geht’s an Ekerö vorbei nach Stockholm. Ich bin sehr gespannt auf Kungshatt, zu deutsch „Königshut“, der auf einer Stange auf einem Felsen stehen soll. Es geht eine Sage um ihn, daß ein König auf einem Pferd beim Überspringen diesen Sundes seinen Hut verloren hätte. Wir überlegten uns, ob er nicht vielleicht auch auf einem Igel hinüber gesprungen sein könnte, und daß man vielleicht den Igelschwanz an die Stange gebunden habe, da von einem Kungshatt lange nichts zu sehen war.
Wir werden abends in Stockholm von freundlichen Leuten eingeladen, in ihrem Sommerhaus zu übernachten, lehnen jedoch dankend ab, da wir bei Freunden, die wir vorher in Aspö kennenlernten, übernachten. Stockholm ist riesig groß, jedenfalls erschien es mir am ersten Abend so, als wir im Auto durch das nächtliche Stockholm unserem Nachtquartier zufahren.
22.7.59
Dieser Eindruck verwischte sich auch nicht, als wir in den folgenden Tagen die Stadt näher kennenlernten. Das Stadthus ist das hübscheste u. gefälligste Gebäude, obwohl ich es nicht gerade in der besten Laune kennenlernte. Es war nämlich nicht gerade einfach, die Boote erstens bis in die Stadt zu fahren, zweitens einen Lagerplatz zu finden u. drittens das Gepäck aufzugeben. Leider haben wir 2 volle Tage dazu gebraucht, so daß nicht mehr viel für Stadtbesichtigungen u. Einkäufe übrigblieb.
23.7.
Das Schönste von Stockholm war der Besuch von Katarinahissen nahe dem Slussen. Es war abends, und das Grau der Stadt war untergetaucht in strahlendem Licht der Leuchtreklame. Deutlich konnte man die 3 Kronen, das Stadtwappen Stockholms, auf dem Stadthaus erkennen sowie die breiten Straßen, die die einzelnen Inseln miteinander verbinden. Jetzt war Stockholm wahrhaft schön. Wir beendeten den Abend mit einer Tasse Kaffee in Gondolen.
Postkarte Marianne, gestempelt am 23. Juli, an Erna Düwel
Stockh. d. 23.7.59
Liebe Frau Düwel, liebe Vera,
gestern sind wir hier in Stockholm gelandet. Die Stadt ist riesig groß, aber sehr hübsch und interessant. Morgen vormittag werden wir Skansen ansehen. Skansen soll außer dem Stadthus das interessanteste sein. Morgen abend fahren wir weiter nach Mariehamm u. werden in etwa 10 Tagen in Turku sein. Bis dahin viele Grüße Marianne + kurt
24.7.
Heute vormittag waren wir in Skansen, dem „großen“ Naturpark. Ich war etwas enttäuscht, denn ich hatte mir alles größer u. schöner vorgestellt, vielleicht war auch das heiße Wetter schuld. Es war ähnlich wie das Freilichtmuseum in Lund. Alte Höfe u. Siedlungen, sowie Glockentürme u. Kirchen aus den verschiedensten Landschaften Schwedens, dazu die Frauen in ihren heimatlichen Trachten.
Anschließend kauften wir noch schnell etwas ein, denn um 18 Uhr ging unser Schiff nach Turku. Wir fuhren mit der Silja. Unsere Boote wurden sogar mit einem Kran verladen. Zuerst war es recht gemütlich an Deck. Ich schrieb an zuhause, lutschte zwischendurch Bonbons. Dann unterhielten wir uns eine Zeit lang mit einem Finnen, der in Schweden arbeitete. Gegen 11 Uhr jedoch wurde es draußen empfindlich kalt. Auch waren wir müde. Wir legten uns im Aufenthaltsraum auf die leider viel zu kurzen Bänke. Wenn man zwischendurch einmal aufwachte, konnte man ringsum lustige Gestalten erblicken. Waren viele von ihnen des Abends noch munter u. gutgelaunt, mit gutsitzender Krawatte u. die Frauen mit geschminkten Gesichtern, so sehen jetzt alle gleich grau, müde u. abgespannt aus. Gegen 3 Uhr morgens ging in ihrer ganzen Pracht die Sonne wie ein roter Feuerball im Meer auf.
Um 6 Uhr gab’s Morgenkaffee zu kaufen. Wie vor der Währung mußte man sich anstellen. Dafür schmeckte er allerdings gut. Wir waren froh, als wir in Turku waren.
Im Scherenmeer bei Turku: „Am nächsten Morgen bereitete Silja alles für die Sauna vor.“
25.07. - 05.08.1959
25.7.59
In Turku passierten wir mit unserem riesigen Gepäck unangefochten den Zoll. Wir überlegten, daß es wohl das Beste sei, zuerst in die Stadt zum Einkaufen zu fahren. So ließen wir unsere Sachen einfach am Bahnhof stehen u. fuhren in die Stadt zum Einkaufen. Als wir zurück kamen, stand unser Gepäck noch so am Bahnhof, wie wir es verlassen hatten. Auf einem Stadtplan sahen wir, daß wohl ein Zeltplatz in der Nähe sein mußte. Wir machten uns also auf zum Campingplatz. Die Straßen in einer finn. Stadt sind unbeschreiblich. Entweder nur grobe Pflastersteine oder gar nicht gepflastert. Was das bei starker Hitze u. großem Verkehr bedeutet, kann man kaum beschreiben. Nach 2 km war Kurts Bootswagen im Eimer. Knack, knack, die Speichen raus. Lustig. Lustig!! Wir stellten unser Gepäck erstmal bei einem Bahnwärter unter u. fuhren wieder in die Stadt. Wir waren ziemlich kaputt u. müde, nicht geschlafen u. dann die Anstrengungen in der Hitze. Hier aßen wir etwas u. machten noch kleinere Einkäufe. Dann fuhren wir wieder zurück u. legten uns in einem nahen Gehölz zum Schlafen nieder. Wir schliefen bis 6 Uhr abends. Dann packten wir unsere Sachen zusammen, bauten die Boote auf u. fuhren ab. Trinkwasser zu bekommen, war jedoch gar nicht so einfach. Nach etlichem vergeblichen Fragen konnte ich dann von einer entfernt liegenden Pumpe Wasser holen. Eine Frau erzählte mir, daß bei der jetzigen Trockenheit die eine Pumpe alle übrigen Häuser mit Wasser versorgen muß.
Nach einigen Kilometern, als es schon ziemlich dunkel geworden war, hörten wir plötzlich aus einiger Entfernung Tanzmusik. Es war ja heute Sonnabend. Kurt u. ich sahen uns an u. unsere Gedanken waren eins: aussteigen u. hingehen. So zerrte ich dann aus dem Koffer einen Rock u. eine Bluse heraus u. Kurt die Farmerhose, und dann machten wir uns auf die Suche. Wir brauchten nicht lange zu suchen u. wir fanden einen Tanzboden mit fröhlichen jungen Leuten. Eine „kleine Band“ spielte zum Tanz auf. Es war recht gemütlich. Die Paare, die nicht tanzten, saßen auf Baumstämmen u. kleineren Felsblöcken. Sogar heiße Würstchen gab es zu kaufen. Alles in allem ein gelungener Abend. Todmüde kamen wir zu unseren Booten gegen 1, ½ 2 Uhr zurück. Und jetzt hieß es noch einen Zeltplatz finden. Mein Holzauge erblickte dann bald trotz der Dunkelheit einen annehmbaren Zeltplatz. Es ist ein schönes Gefühl, wohlgeborgen im Zelt zu liegen u. bald einschlafen zu dürfen.
26.7.59
Wir wachten jedoch schon sehr früh am morgen auf, denn unser Zelt stand direkt in der Sonne. Es war so heiß, daß wir glaubten, wir müßten vor Hitze ersticken. Draußen war es jedoch kaum besser. Selbst im Schatten war es so heiß, daß man es nicht aushalten konnte. Wir gingen ein paarmal ins Wasser. Die Erfrischung dauerte jedoch nicht sehr lange an. Endlich, am frühen Nachmittag gab es ein Gewitter, u. danach wurde es auch etwas kühler. Gegen abend dann bestiegen wir unser Boot und fuhren bis zur Insel Rymättylä. Siljas Freudenjauchzer empfing uns, denn sie war sehr überrascht, uns zu sehen. Auch ihre Mutter war erfreut, uns wiederzusehen. Wir mußten uns erstmal mit an den Tisch setzen und eine warme Mahlzeit zu uns nehmen.
27.7.59
Hier nun verlebten wir 3 herrliche Tage. Am nächsten Morgen bereitete Silja alles für die Sauna vor, echt finn. Sauna, mit Birkenruten usw.. Nach der Sauna gab es wieder was zu Essen u. dann können wir uns ausruhen. Es ist wunderschön hier. Das Wetter u. die Landschaft tragen dazu bei, daß man immer mit etwas Sehnsucht nach diesem schönen Fleckchen Erde zurückdenkt.
An einem der Tage fuhren wir mit dem Bus nach Turku, um uns die Stadt anzusehen. Leider war es etwas sehr heiß. Interessant u. sehenswürdig war in Turku das alte Handwerksmuseum. Die alten Häuser sind die einzigen, die bei dem großen Brand nicht Opfer der Flammen wurden. Mir gefiel auch der Dom, der zwar etwas eigenwillig in seinem Baustil, jedoch groß u. gewaltig auf den Besucher wirkt.
30.7.59
Heute nun fuhren wir gegen nachmittag von Kiiskilä ab. Wir konnten segeln. Winkende Hände u. ein weißes Taschentuch, das Silja gehißt hatte, waren das letzte, was wir von der Insel der Ruhe u. des Friedens sehen konnten, auf der wir mit freundlichen Menschen manch frohe Stunde verlebt hatten. Gegen Abend kamen wir zu einer kleinen Insel. Hier schlugen wir unser Zelt auf. Wenn die Sonne untergeht, erglühen alle umliegenden Inseln u. die Küste im roten Licht, selbst das Wasser wird durch die Spiegelung des Himmelsrot wie Blut. Schön u. friedlich ist diese Insel. An einer Seite stehen einige L.-Bäume sowie Tannen u. Fichten. Nach der Wetterseite hin gehen die Felsen schräg ins Meer. Hier haben wir oft gebadet. Meist war ich die erste, die im Wasser war. Aber es dauerte nicht lange, dann machte es Kurt mir nach. Man fühlt sich wie neu geboren, wenn man aus dem Wasser kommt u. in seinen schönen warmen Trainingsanzug schlüpfen kann.
5.8.59
Über eine Woche haben wir auf unserer kleinen Insel verbracht. An einigen Tagen machten wir mit dem Boot Ausflüge in die Umgebung, mal nach Rymättylä, mal nach Naantali. Die Tage gingen wie im Fluge, ein Urlaub, wie man ihn sich erträumt. Des Abends, wenn die Sonne in den prächtigsten Farben unterging, wurden wir oft zum Malen verleitet.
Heute regnet es leider noch immer, nun schon fast 2 Tage ununterbrochen. Als es heute morgen etwas aufgehört hatte, haben wir schnell das Zelt abgeschlagen u. die Sachen eingepackt. Wir saßen kaum im Boot, da regnete es auch schon wieder. Aber wir müssen heute auf Biegen oder Brechen nach Turku, denn wir werden am Abend auf dem Flughafen erwartet, um dann mit nach Somero zu fahren. Als wir uns Turku nähern, hört es auf zu regnen u. die Sonne kommt sogar etwas durch. Der Hafen ist sehr interessant. Schiffe aus den verschiedensten Nationen liegen am Kai. Auch viele deutsche Schiffe sind hier anzutreffen. Einige größere Fracht- u. Passagierdampfer werden überholt. Die Arbeiten verursachen einen ungemeinen Krach, so daß man kaum sein eigenes Wort verstehen kann. Überall werden wir mit neugierigen Blicken betrachtet. Manche winken uns freundlich zu, manche machen gelangweilte Gesichter, wenn wir nach ihnen hinblicken. Das sind dann meist echte Finnen. Das Abbauen der Boote am Aurajoki war ein Zirkus für sich. Ein Menschenauflauf wie bei der Landung von Marsmenschen. Zugegeben, es sah lustig aus. Unser nasses Zeug hatten wir überall zum Trocknen hingelegt. Bald machte es uns nichts mehr aus, wenn die Leute uns so angafften u. packten in aller Seelenruhe unsere Boote zusammen. Gegen 12 Uhr waren wir fertig, u. nun kam der Tragödie II. Teil, nämlich der Transport zur Gepäckaufbewahrung. Bei der Hitze u. bei den finn. Großstadtstraßen ist es eine ganz schöne Anstrengung. Aber auch das war bald geschafft u. nun machten wir uns auf zur Martinkatu, wo wir noch eine Bekannte besuchen wollten. Gerade, als wir in die Straßenbahn einsteigen wollten, wurden wir angerufen, u. zu unserer Überraschung war es Frau Vesmanen aus der Martinkatu. Die Freude war groß, u. nun fuhren wir erst einmal zu ihr nach Hause. Wir bekamen heißen Kaffee u. Kuchen, der bald unsere Lebensgeister neu erweckte. Ich war ziemlich erschöpft von den Strapazen dieses Tages u. ich war froh, als wir im Auto Somero entgegenfuhren.
In Somero: „Fast immer sind Freunde im Haus.“
11.08. - 21.08.1959
Briefkarten Marianne, an Anna Bohmhauer
Somero, d. 11.8.59
Liebe Mama,
bitte verzeih, daß Du erst heute Post von uns bekommst. Aber am Sonntag waren wir fast den ganzen Tag nicht zuhause, da uns Karinaa im Auto die Umgegend Someros zeigte. Bei der Gelegenheit konnten wir in einem hübschen See baden. – Gestern, am Montag, war Kurt wiederum auf dem Lande. Es macht ihm anscheinend viel Spaß. Ich zog derweil zu K. um. Es ist ein lustiges Haus, viel junge Leute u. immer Betrieb. – Kurt ist im Moment mit Tuulas Bruder zum Baden gefahren. So finde ich Zeit, Dir schnell ein paar Worte zu schreiben.
Sehr lustig war am Samstag die Tanzerei. Es gibt nur eine Tanzfläche, weder Tische noch Stühle. Irgendwo draußen vielleicht ist ein kleiner Bier- u. Brauseausschank zu finden. Die Mädel stehen gedrängt auf der einen Seite, die Jungen auf der anderen. Bei Beginn der Musik gibt es ein wüstes Gedränge. Jeder will bei seiner Auserwählten sein. Wir hatten sehr viel Spaß allein am zusehn. Aber andere Länder, andere Sitten. In Deutschland wäre so etwas unmöglich.
Ich hoffe, Dir gefallen die beiden Karten. Die Bauernhäuser, die auf den Karte abgebildet sind, findet man noch oft in Finnland. Man hat den Eindruck, als hätte sich auf dem Lande jahrhundertelang nichts geändert.
Liebe Mama, schreibst Du uns bitte bald wieder? Wir bekommen so gerne Post von zuhause. Kurt geht hier jeden Tag zum Postamt u. fragt, ob Post für uns da ist. Ich hoffe, daß wir nächste Woche in Iisalmi sind, von wo wir unsere Lapplandfahrt starten wollen.
Bis zum nächsten Mal herzliche Grüße von Kurt u. Marianne
15. August 1959
10 Tage waren wir in Somero. Es war schön u. interessant. Bei Kaarina P. lernten wir das normale gutbürgerliche Leben kennen, traditionell in der Lebensauffassung u. in ihrer Lebensweise. – Bei Tuula K. war mehr Leben, mehr Freude u. Vergnügen. Fast immer sind Freunde im Haus wie z.B. Akku, Tommni, Markku und wie sie alle heißen, dazu Leenu, Maria-Leene, Lealüsa W. u. dergleichen mehr, alles Freundinnen des Hauses. Jeder fühlt sich hier zu Hause, kam u. ging wie es ihm paßte. Olli u. Tuliki waren reizende Geschwister, man mußte sie liebgewinnen. Auch Frau K. war eine liebenswürdige Gastgeberin, wenn sie auch nur wenig Zeit für uns hatte. Manch frohe Stunde wurde uns in diesem Hause zuteil. Zweimal waren wir zum Tanz, in Rautela u. zu einem Erntetanz. Aber alles geht vorbei und heute am Sonnabend geht’s also nach Turku mit dem Bus und von hier nach Tampere. Der Gepäcktransport war ehrlichgesagt eine Quälerei bei den vollen Zügen und der Hitze. Vor allem das Umsteigen war sehr spannend. In 8 Min. muß alles umgepackt werden. Aber in Tampere wurden wir von Ulla abgeholt, u. nachdem wir gebadet hatten u. Kaffee getrunken hatten, fühlten wir uns wieder fitt.
Bei Iisalmi: „Bonan tagon, samideane!“
18.08. - 21.08.1959
18. August
Heute geht’s weiter nach Iisalmi. Um 9:45 Uhr geht der Zug ab Tampere und abends um 8 Uhr sind wir in Iisalmi. Hier auf dem Bahnhof begegnen wir 3 deutsch. Pfadfindern mit Affen u. Rentierfellen. Es sind alle 3 kleine Gecks. In der Bahnhofshalle trinken wir erstmal eine Tasse Kaffee u. essen eine Schnitte Brot. In einer halben Stunde geht’s weiter nach Runni. Es ist schon dunkel als wir in Runni auf dem Bahnhof stehen. Wir ziehen erstmal los u. suchen in der Nähe einen Zeltplatz. Das ist nicht sehr schwierig, denn die Häuser sind so weit auseinander, daß man gut irgendwo an der Dorfstraße zelten kann. Ziemlich müde u. kaputt von der Reise liegen wir im Zelt, und bevor wir zur Besinnung kommen, sind wir eingeschlafen.
19. August
Wir haben heute morgen nichts zu essen mehr, und so muß ich erstmal was eßbares besorgen. Gleich in der Nähe unseres Lagerplatzes ist ein OK. Hier frage ich auch nach S-ro Santamo, der ein UEA-Delegierter ist. Außer mir waren noch 2 Jungen im Alter von 10-12 Jahren im Laden. Ich war kaum wieder am Zeltplatz, als plötzlich ein kleines Mädchen zu Kurt sagt: „Santamo venas.“ Wir trauen unseren Augen nicht, als tatsächlich S-ro Santamo die Straße heraufkommt uns mit „Bonan tagon, samideane!“ begrüßt. Er ist sehr freundlich u. hilfsbereit u. wir gehen mit zu seiner Wohnung. Er ist ein kleiner Bauer, hat etwas Land und eine Kuh, und wie jeder echte Finne selbstverständlich eine Sauna (Rauchsauna). 2 Tage waren wir hier, und auch diese Tage vermittelten uns einen Einblick in das gewöhnliche Landleben in Finnland.
Postkarte Kurt an Erna Düwel, Comeniusstr. 5, Hannover, Deutschland
Iisalmi, 19.8.
Liebe Mutti,
soeben haben wir Deinen Brief gelesen und dabei festgestellt, daß Ihr alle am liebsten seht, wenn wir umgehend nach Hause kommen. Dieser Wunsch geht nun in Erfüllung: Seit heute sind wir auf der Heimfahrt, die allerdings noch 4 Wochen dauern wird.
Deine Kinder
Marianne + kurt
20.8.59
Heute schlugen wir unsere Boote auf, und gegen Mittag waren wir zur Abfahrt bereit. Wir hatten herrliches Wetter u. die Landschaft hier oben ist schön u. freundlich. Alles ist weich u. zart und passt gut zu dem herrlichen Sonnentag. Unser Weg geht auf einem schmalen Fluß, der sich wie ein silber-blaues Band durch die Landschaft schlängelt, entlang. Der Fluß endet in einem See, der bis Iisalmi geht. Wir haben guten Rückenwind, u. so können wir segeln. Gegen 2 Uhr nachmittags sind wir schon in Iisalmi u. können hier einkaufen. Hier bekommen wir auch die nötigen Karten, ohne die es auf diesen Seen nicht geht. Zu unserem Schrecken sind sie sehr teuer. Nach dem Einkaufen haben wir keine große Möge mehr zu paddeln. Bald finden wir auch einen schönen Zeltplatz, von dem wir noch einen herrlichen Blick auf das weiße Iislami haben.
21.8.59
Unser Zeltplatz und die Landschaft waren so schön, daß wir noch einen Tag hier bleiben wollten. Nach dem Essen suchten wir beide Beeren, Krons- u. Bickbeeren. Die Marmelade, die wir daraus bereiteten tauften wir „nigra Maja“. Sie hatte leider einen Nachgeschmack, nämlich nach „Mehr“. Auf dem Weg zum Wasserholen, entdeckten wir ein Kartoffelfeld. Gerade das Richtige für unseren so schmal gewordenen Geldbeutel. Bei Dunkelheit schicken wir uns dann, verkleidet in ein Liebespaar, zum Kartoffelklauen an. Da es sich auch lohnen mußte, nahmen wir gleich für 4-5 Tage. Alles klappte wie am Schnürchen, u. wir kamen ungesehen davon.
Über Flüsse und Seen weiter bis Heinävesi: „Die Wellen sind wie wahnsinnige Pferde.“
22.08. - 31.08.1959
22.8.59
Der Himmel ist grau in grau. Auch die Stimmung ist etwas mies. Das liegt wohl am Gegenwind u. am Wetter. Auch kann ich heute sehr schlecht sitzen. Gegen Mittag muß ich erstmalaussteigen. Wir suchen Beeren, finden aber keine. Alles ist heute nicht so recht in Stimmung. Gegen Nachmittag müssen wir Schleusen. Dicht bei der Schleuse holt Kurt Milch u. Butter. Unser Zeltplatz ist sehr einsam, u. die Umgebung so undurchdringlich wie ein Urwald. Wir gehen früh schlafen.
23.8.59
Die Sonne scheint, als wir aufwachen. Heute ist Sonntag, und alles sieht nach Sonntag aus. Wir sind wieder beide in guter Laune. Morgens gibt es jetzt fast immer Haferflocken mit Milch, das sättigt erstens u. zweitens ist es sehr gesund. Im Nu sind wieder unsere Boote startbereit, u. es geht weiter. Wir kommen wieder zu einem schönen Fleckchen Erde. Wir fahren unseren eigenen Kurs genau nach Karte. Es macht Spaß, man kommt sich wie ein Forscher vor. Plötzlich ist die Welt mit Schilf zugewachsen. Laut Karte müßte man durchkommen. Wir fahren so weit es geht. Dann müssen wir jedoch aussteigen, da uns nun auch neben dem starken Schilfwuchs dicke Steine den Weg versperren. Kurt hält Ausschau u. siehe da, noch ungefähr 50 m u. es ist wieder freies Wasser da. Wir nehmen also jeder unser Boot an die Leine u. ziehen, d.h. Wasserwandern im wahrsten Sinne, durch den Urwald aus Schilf u. Steinen. Nach der Mittagspause sind wir wieder fitt. Aber nun haben wir nur Gegenwind. Es ist nicht so einfach, bei Gegenwind große Seenstrecken zu fahren. Zwischendurch machen wir nochmal Halt, treiben Kartenkunde u. erfrischen uns durch ein Bad. Die Sonne meint es heute auch wieder gut. Aber schließlich erreichen wir nach ungefähr 25 km den Ahkiolahden-Kanava. Beim Walderdbeerenpflücken nehme ich dann, als ich wieder ins Boot steigen will, ein unfreiwilliges Bad. Ich muß mich umziehen. Gleich darauf kommt ein Junge in einem Ruderboot in Sicht. „Are you German Scouts?“, fragt er und erzählt uns, daß er finn. Pfadfinder ist u. 2 Jahre in England war. Er ist sehr neugierig u. will wissen, ob diese Fahrt unser „Honeymoon“ ist. Kurt bejaht es. Er ist aber immer noch nicht zufrieden u. will wissen, warum wir keine Ringe aufhaben. Als auch dies geklärt ist, bietet er sich hilfreich an, uns das Schleusentor zu öffnen. Er war ein echter Pfadfinder – „Jeden Tag eine gute Tat!“ – Wir finden einen wunderschönen Zeltplatz, den wir das „Tal des Himmels“ nennen. Die Bucht ist von der Sonne ganz rot u. das Wasser mit den Wasserpflanzen erhöht den Reiz dieser schönen Abendstunde.
24.8.
Heute morgen ist der Himmel bedeckt. Aber wir haben herrlichen Segelwind. In kurzer Zeit sind wir in Maaninka. Hier kaufen wir ein, u. bei dieser Gelegenheit entdecken wir eine hübsche Kirche, die ganz aus Holz u. in bunten Farben bemalt ist. -
Kurt hat aus einem Laken ein zweites Segel gemacht. Der Wind wird jedoch so stark, daß wir es vorziehen, mit einem Segel zu segeln. Die Schleusen brauchen wir heute nicht zu benutzen, denn in der kleinen Stromschnelle ist genug Wasser für unsere Boote. Nachdem wir Milch u. Eier bei einem Bauern gekauft haben, suchen wir uns einen Zeltplatz.
25.8.
Wir zelten auf einer Insel. Die ganze Nacht hat es schon geregnet, und bis jetzt ist noch keine Besserung zu sehen. Auch ist ein ganz schöner Sturm. Wir haben uns schon entschlossen u. damit abgefunden, daß wir heute noch hierbleiben, als sich gegen Nachmittag das Wetter aufklärt. Zeitweise kommt sogar die Sonne durch. Der Wind ist noch immer ideal zum Segeln. In ein paar Stunden sind wir kurz vor Kuopio. Wir suchen uns einen Zeltplatz auf einer nahen Insel.
26.8.
Das Wetter hat sich heute nicht gebessert. Der Wind hat sehr aufgefrischt. Trotzdem wollen wir weiter, denn wir haben nichts zu essen mehr. Kaum sind wir auf dem Wasser, da bricht ein unheimlicher Sturm los. Die Wellen sind wie wahnsinnige Pferde, die mal hier mal dort hochspringen, überall weiße Schaumkronen. Mit Mühe kann ich das Paddel halten. Wir müssen die Boote zusammenbinden, da sonst Gefahr besteht, daß wir kentern. Wir setzen nur ein kleines Segel, trotzdem muß ich alle Kraft aufwenden, daß ich es halten kann. Lange wird es nicht so gehen, denn mein Arm schmerzt schon. Gottlob kommen wir jetzt dichter unter Land. Falls wir kentern sollten, kann wenigstens nichts passieren. Wir müssen jetzt unter einer Brücke durch. Hoffentlich klappt das. Aber wir sind gut durchgekommen. Nach 2 km entdecken wir eine geschützte Bucht, hier müssen wir anlegen, denn es ist kaum anzunehmen, daß wir ohne Gefahr um die nächste Ecke kommen. Wir landen auf einem Privatgrundstück, auf dem ein Wochenendhaus steht. Aber es scheint keiner zu Hause zu sein. So lassen wir unsere Boote stehen u. gehen erst einmal in die Stadt zum Einkaufen, u. um unsere Post in Empfang zu nehmen. Das Wetter hat sich nicht gebessert, der Wind ist noch immer so stark u. es regnet jetzt auch zwischendurch.
27.8.
Keine Wetterbesserung, Regen, Regen u. Sturm. Wir liegen faul im Zelt, alles ist etwas klamm u. sehr kalt. Zur Abwechslung essen wir, spielen Karten, lesen oder schlafen. Eine Aufgabe haben wir noch vor uns und das ist „Kartoffelklauen“. Gestern haben wir vom Weg aus ein gutes Kartoffelfeld entdeckt. In der Dunkelheit wollen wir uns ranschleichen u. wie die Maulwürfe graben. Gegen 8 Uhr machen wir uns startklar: dicke Schuhe, alte Hose u. Regenjacke. Das Feld liegt schön geschützt. Ungesehen kommen wir an der Fundstelle an. Aber wir wollen doch lieber warten bis es noch dunkler ist, u. so setzen wir uns in einen Heuschober. Hier ist es warm u. trocken, u. so leicht können wir von hier nicht gesehen werden. Nach kurzer Zeit ist es ganz dunkel. Jetzt ist der Augenblick gekommen. Vorsichtig schleichen wir uns ran. Aber was ist das? Das sind ja seltsame Kartoffelstauden? Nach näherer Betrachtung müssen wir feststellen, daß es kleine Johannisbeersträucher sind, ein ganzes Feld voll. So traurig es für uns ist, wir brechen in helles Gelächter aus. Sitzen wir 2 Experten wenige Meter von einem Kartoffelfeld u. warten auf die Dunkelheit, u. dann sind es Johannisbeersträucher. Pech muß der Mensch haben. Uns bleibt nichts anderes übrig, als nach einem anderen Kartoffelfeld Ausschau zu halten, denn wir sind knapp mit Geld, u. unser Appetit ist groß.
28.8.
Keine Besserung der Wetterlage. Wir wollen bis zum Nachmittag abwarten, vielleicht klärt es sich auf.
Tatsächlich können wir gegen 3 Uhr nachmittags weiter. Das Zelt u. viele Sachen sind zwar klatchnaß, aber wir wollen trotzdem weiter. Es kommt ein großer See nach Kuopio. Große Seen können bei ungünstigem Wind sehr langweilig sein. Trotzdem schaffen wir heute 20 km. Wir finden einen hübschen Zeltplatz wieder auf einer Insel, die übersät mit Kronsbeeren ist. Über Nacht können auch unsere Sachen etwas abtrocknen.
29.8.
Das Wetter scheint besser zu werden. Wir kommen an dem Ort Vehmersalmi vorbei u. wollen hier einkaufen. Alles bekommen wir bis auf Brot, das ist nirgends zu kriegen. Wir kaufen noch etwas Weißbrot u. Knäcke u. dann geht’s weiter, immer aber kommen wir an schönen kleinen Inseln vorbei. An einer kleinen machen wir Halt, um die Lage zu peilen. Bei dieser Gelegenheit entdecken wir die größten Kronsbeeren, die wir je gesehen haben. Das Größte aber kommt noch, Kuddi entdeckt Blaubeerbäume mit riesigen Blaubeeren. Wir essen natürlich, was wir vorfinden. Die Folgen stellen sich später ein.
Wir kommen in einen wunderschönen Schärengarten, der wie ein Paradies anmutet. An einer schönen geschützten Stelle schlugen wir unser Zelt auf. Es ist Sonnabend, u. morgen wollen wir einen Waschtag einrichten.
30.8.
Heute ist also Sonntag. Die Nächte sind jetzt sehr kalt u. manchmal auch unheimlich. Ich bin immer froh u. erleichtert, wenn ich aufwache, u. es ist hell. Heute müssen wir unbedingt waschen, denn wir haben nichts als schmutzige Wäsche mehr. Kuddi macht mir im Kochgeschirr heißes Wasser u. dies reicht, wenn ich Glück habe, immer für 2 – 3 Wäschestücke, wenn die Wäschestücke groß sind, reicht das heiße Wasser manchmal auch nur für 1 Wäschestück. Da muß ein Kochgeschirr nach dem anderen anrollen, damit die Wäsche sauber wird. Gegen Nachmittag sind wir fertig u. haben uns großen Appetit geholt. Nach dem Essen machen wir einen kleinen Spaziergang. Aber auf dem Land finden wir uns anscheinend nicht mehr zurecht. Wir irren uns immer in den Entfernungen. Auch den morgigen Tag wollen wir hierbleiben u. einen etwas längeren Spaziergang machen.
31.8.
Wir stehen früher auf als gewöhnlich, trinken Kaffee u. machen uns zum Spaziergang bereit. Das Wetter ist nicht besonders gut. Der Himmel ist verhangen u. alles ist grau in grau. Eigenartiger Weise fühlen wir uns genau so wie das Wetter ist. Ich bin so lahm, daß ich kaum gehen mag. Auch Kurt ist nicht ganz wohl. Zuerst führen wir es auf die Pilze zurück, die wir gestern abend gegessen haben. Vielleicht kommt es auch von dem Seewasser. Wir wissen nicht. Nur auf die Früchte der Blaubeeren kommen wir nicht. Mir ist sehr schlecht. Nachdem ich mich übergeben habe, ist es etwas besser. Wir beschließen, unsere Wanderung zu beenden, denn es ist sehr anstrengend, ohne Weg u. Steg immer bergauf u. bergab zu marschieren. Wir wollen uns nach Milch u. Brot umsehen und dann zurück zum Zelt gehen. Bald kommen wir an einen großen Hof, ein kleiner Herrensitz für sich. Ich klopfe an die Tür, u. eine Stimme ruft etwas, das ich nicht verstehen kann. So gehe ich einfach hinein. Eine ältere Bäuerin steht an einem riesengroßen Ofen u. kocht irgendetwas. Auch ein junges Mädchen in Hose u. Pullover kommt in die Tür. Ich frage: „Maito?“ Die Bäuerin nickt u. ich gebe ihr die Flasche. Nun habe ich Zeit mich umzusehen. Es ist eine große Stube mit blankem Boden u. um den langen Tisch stehen roh gezimmerte braune Bänke. Natürlich fehlt auch der Schaukelstuhl nicht. Die einzigen Möbel bestehen also aus der langen Tafel, den Bänken, dem Schaukelstuhl u. dem riesengroßen Ofen. Er ist Schmuck u. Zierde, verbindet also das Praktische mit dem Schönen. Später erfahren wir, daß er auch zum Brotbacken dient. Das junge Mädchen erweckt den Anschein, als wolle sie uns etwas sagen, und traut sich nicht. So frage ich, ob sie Deutsch oder Englisch spricht. Zögernd erwidert sie, daß sie Englisch spricht. Ich bin sehr froh u. frage nun auch, ob ich Brot kaufen kann. Sie nickt zustimmend. Bald ist alles eingepackt u. es ist nichts mehr zu sagen. Wir wollen gehen. Da aber sagt das Mädel: „Please, have Kahvia.“ Ich zögere erst, dann aber nicke ich zustimmend. Sie zeigt, daß wir unsere Jacken ausziehen können. Ich freue mich über diese unerwartete Einladung u. auch Kuddis Stimmung scheint sich zu heben. Bald sitzen wir alle in ihrem kleinen gemütlichen Zimmer, u. trinken Kaffee u. essen selbst gebackenen Kuchen. Sie holt eine Zeitung u. erklärt uns in gebrochenem Englisch, daß in der Nähe von Heinävesi 2 Mädchen ermordet sind, schon vor ein paar Wochen u. daß man sie erst jetzt gefunden hat. Wir sind ziemlich deprimiert. Die Unterhaltung dreht sich jetzt nur um diesen Unglücksfall.
Nachdem wir unsere Adressen ausgetauscht haben, verabschieden wir uns. Da sie ihren Brüdern auf dem Feld Kaffee bringen muß, begleitet sie uns. Ich schlafe in dieser Nacht nicht besonders gut. Es ist stürmisch u. unheimlich. Ich bin froh, als es hell wird.
Bei Heinävesi: „… denn sie sind uns sehr, sehr lieb geworden.“
01.09. - 13.09.1939
1. September
Heute machen wir uns früh fertig, denn wir wollen bis Heinävesi kommen, u. das ist ein ganzes Stück. Das Wetter ist immer noch grau in grau, aber es regnet nicht. Wir fahren immer noch durch den Schärengarten, der bei Sonne sehr schön sein muß. Bald kommen wir an einen schmalen Kanal, der dicht bewohnt ist. Wir kaufen Milch u. machen gegen 1 Uhr Mittag. Jetzt kommt noch mal ein großer See, bei dem wir leider Gegenwind haben. Nun kommt wieder eine etwas schmalere Durchfahrt u. nach kurzer Zeit hören wir das Brausen der ersten Stromschnelle. Kurz vorher legen wir an, um uns die Stromschnelle anzusehen. Es ist die größte, die ich bisher gesehen habe. Und doch reizt es mich unheimlich, sie zu fahren. Auch im alltäglichen Leben geht es mir oft so, daß es mich reizt, eine Schwierigkeit zu überwinden. Ich glaube, es ist einmal das unbestimmte Gefühl, „schaffst Du es oder nicht?“ u. zum anderen die Genugtuung, daß man es geschafft hat.
Kuddi fährt zuerst, die Sachen haben wir fest gebunden u. uns etwas tiefer gesetzt. Ich habe immer etwas Angst, wenn Kurt sich in irgendeine Gefahr begibt. So ist es auch jetzt. Ich zittere sogar etwas, als ich den Fotoapparat schußbereit halte. Die Einfahrt ist ziemlich einfach, dann kommt jedoch eine Schrägströmung u. dann eine große Wasser-Walze, die ungefähr 1 m groß ist. Der Knirps schießt die Stromschnelle herunter, dann ist mir, als käme das Boot nicht aus der Walze heraus u. nach ein paar Sekunden schießt es auch hier wieder heraus. Kurts Paddeljacke ist klatschnaß. Er ruft mir zu, daß ihm die Walze d.h. die große Wasserwelle genau ins Gesicht geschlagen ist. Es wäre besser, wenn ich sie nicht führe. Aber da kam er schlecht bei mir an: Warum sollte ich nicht auch durchkommen, wenn der Knirps auch heile durchgekommen ist. Ich mache mich also auch startbereit. Ein wenig Angst habe ich selbstverständlich, oder besser gesagt, ich bin aufgeregt, ob ich wohl durchkomme. Aber lange zum Überlegen komme ich nicht, denn der Sog ist so stark, daß ich nun dem letzten Anlauf mit ein paar Schlägen nachhelfe u. schon sause ich in einen mächtigen Wasserstrudel. Für einen Augenblick ist alles dunkel u. naß, u. dann bin ich durch. Mit einem erleichterten Seufzer erledige ich die letzte Strecke. Das einzig schlechte an der Durchfahrt war, daß ich ganz naß geworden bin. Wie das passiert ist, weiß ich nicht.
Ich zog mich um u. dann ging es weiter. Nach etlichen km konnten wir die Kirche von Heinävesi erblicken. Jetzt ist es nicht mehr weit. Es ist wohl indessen 7 Uhr geworden, denn die Dämmerung u. bald auch die Dunkelheit bricht schnell herein. Wir ziehen unsere Boote auf den Sandstrand vor dem Ort u. machen uns auf, Fam. W. aufzusuchen. Es ist sehr kalt u. ungemütlich. Die Wärme u. Geborgenheit des Hauses der Fam. W. erscheint uns deshalb doppelt freundlich. Liesa u. Aarne sind sehr erfreut, uns zu sehen u. sie wissen nicht, was sie zuerst für uns tun sollen. Schüchtern sitzen die 3 kl. Mädchen auf dem Sofa, wenn wir sie ansehen, drehen sie sich schüchtern um u. gehen aus dem Zimmer. Wenn sie sich jedoch unbeobachtet fühlen, betrachten sie uns mit unverhohlener Neugierde. Die Kleinen sind 12, 11 u. 6 Jahre u. sie heißen Maili, Marja-Leena u. Mirki. Alle haben sie wie echte Finnenkinder flachsblondes Haar. Eine Tasse heißen Kaffee u. Keks weckten unsere Lebensgeister aufs Neue. Nachdem wir auch noch Abendbrot gegessen hatten, machten wir uns durch Zeichen verständlich, daß wir zum Strand gehen wollten, um unser Zelt aufzubauen. Aber da kamen wir bei Liesa schlecht an. Sie hatte schon vorgesorgt u. uns ein Lager auf ihrer Schlafcouch in der Stube zurecht gemacht. Meinen feuchten Pullover hatte sie in einen trockenen von sich umgetauscht u. mir angezogen. Nun machten wir, Kurt, Liesa u. ich uns fertig, um unsere Boote in Ordnung zu bringen u. um die nötigsten Sachen zu holen.
2. September
In dieser reizenden Familie fühlen wir uns schnell heimisch. Als die 3 Kleinen aus der Schule kommen, stellten sich auch bald ihre Freunde u. Freundinnen ein, um uns Deutsche zu bewundern. Wir erfanden bald allerhand lustige Spiele u. die Kinder waren uns sehr zugetan. Die kleine Mirki hatte vor allem Kurt ins Herz geschlossen. Dauernd neckte sie ihn oder schmuste mit ihm.
Aber wir wurden nicht nur mit den Freunden der Kinder sondern auch mit Verwandten u. Bekannten der Erwachsenen bekannt gemacht.
Einmal waren wir zum Namenstag einer Bekannten eingeladen. Dann mußten wir Freunde u. Bekannte besuchen, oder sie kamen zu uns.
7. September
Heute ist Sonntag u. wir wollen auf die Insel von W., um Beeren zu suchen. Mit kleinen u. großen Körben sowie mit Taschen bewaffnet ziehen wir los. Kurt fährt mit Aarne schon auf dem Rad vor. Ein VW-Bus, der gerade vorbeikommt, nimmt uns mit bis zum Strand. Dann ziehen wir uns Gummistiefel an, u. machen das Ruderboot startklar. Ich fahre im Kuddel nebenher. Es ist eine hübsche Insel mit einem kleinen Sommerhäuschen darauf. Von Beeren suchen, kann keine Rede sein. Sie stehen hier im Übermaß u. man braucht nur zuzugrapschen, dann hat man beide Hände voll. Es dauert nicht lange u. die Hälfte der Körbe sind voll. Nach dem Mittagessen schnappen Kurt u. ich uns das Ruderboot u. rudern zwischen den Inseln herum. Es ist herrlich, die Sonne schien, das Wasser ist klar u. blau, u. die Natur atmet Frieden u. Glück. Es ist eine der Stunden, die man im Leben nicht vergißt.
Am Abend trinken wir bei den Verwandten von W.s, bei Mirkko u. seiner Frau, Kaffee. Sie haben einen süßen kleinen Sohn.
8. September
Heute nun soll’s weiter gehen. Um 1 Uhr sind wir bei Mummi (?) u. Okki Wir bekommen noch einmal Kaffee u. die alten Leute sind so liebe u. freundlich. Sie schenkt mir Spitze für Bettwäsche u. Kurt bekommt ein Handtuch. Liesa hat uns auch Spitze u. einen hübschen Zuckerlöffel mit dem Wappen von „Savo“ geschenkt. Es sind wirklich reizende Menschen. Die Boote sind fertig u. nun verabschieden wir uns. Das fällt uns nicht leicht, denn sie sind uns sehr, sehr lieb geworden. Wir schämen uns der Tränen nicht.
Unser Weg führt weiter. Es ist herrliches Wetter u. guter Wind zum Segeln. Wir kommen noch einmal durch ein wunderschönes Stückchen Erde. Die Höfe lagen so sauber u. nett in ihrer Umgebung, daß es scheine, als müssen alle Menschen, die hier wohnen oder es anschauen, froh u. glücklich sein. Grüne Hänge, rot-weißgestrichene Häuser, braungescheckte Kühe u. der dunkle Wald und das blaue Wasser. Alles ist heiter u. unbeschwert. Wir kommen nun an eine Stromschnelle. Zuerst besehen wir sie uns natürlich. Es ist ein ziemlich langer Weg. Auf den ersten Blick sieht sie unbefahrbar aus. Dann aber entschließen wir uns doch, sie zu fahren. Kuddi fährt wieder zuerst. Ich stehe schußbereit mit der Kamera. Aber plötzlich bekomme ich einen Schreck. 3 Frauen stehen auf der Brücke u. halten entsetzt ihre Hände vors Gesicht. Mein erster Gedanke war, jetzt ist Kurt was passiert. Ich wollte gerade losrennen, als ich Kurt ohne Schwierigkeiten heranflitzen sah. Nun kam allerdings die schwierigste Stelle, es lagen dicke Steine im Weg. Und schon saß Kurt fest. Ich sah, daß er alle Kräfte anwenden mußte, scheinbar vergebens. Blitzschnell streifte ich meine Schürze ab u. lief ins Wasser, aber die Strömung war so stark, daß ich kaum vorwärts kam. Nur mühsam konnte ich mich auf den Beinen halten. Und jetzt war Kurt auch schon von allein freigekommen. Gottlob war alles glatt gegangen. „Du fährst die Strecke nicht“, war das erste, was Kuddi mir zurief. Aber ich ließ nicht locker u. überzeugte ihn, daß es doch schließlich egal sei, wer ein Loch in mein Boot fuhr. Ich hatte etwas mehr Glück als Kurt, zwar knackte es manchmal ganz schön, u. ich merkte auch, daß ich über Steine rutschte, aber ich blieb nirgends hängen. Den Semmel, den Liesa uns eingepackt hatte, vertilgten wir mit Heißhunger. Wenige km danach kam eine 2. Stromschnelle. Bei dieser ging alles glatt, u. es machte sehr viel Spaß. Kurz nach dieser Stromschnelle suchten wir uns einen Zeltplatz. Es wird jetzt schon früh dunkel. Um 7 Uhr wird es dämmrig und um 8 Uhr ist es stockdunkel.
9. September
Hier ist die Landschaft noch einmal sehr schön, auch das Wetter meint es gut mit uns. Die letzte Stromschnelle haben wir noch vor uns. Auch diese ist ohne Hindernisse. An einem geschützten Platz machen wir Mittag. Die Sonne ist schön warm. Nach dem Essen sammeln wir Kronsbeeren. Es sind wohl ein paar Liter. Dann halten wir uns genau an die Karte. Auf diese Weise wollen wir versuchen, eine schmale Durchfahrt zu fahren. Ob es möglich ist, wissen wir nicht. Es ist hier noch einmal wunderschön. Die Felsen kommen dicht zusammen, sie lassen nur soviel Platz, daß gerade ein Ruderboot hindurch kann. Weiße große Steine leuchten aus dem blauen Wasser u. scheinen sich ebenso wie wir ihres Daseins zu freuen. Nach etwa 2 km wird es wieder weiter. Noch immer ist die Landschaft sehr reizvoll. Wir haben uns etwas verfahren u. finden daher erst gegen ½ 7 einen Zeltplatz.
10. Sept. 1959
Wir fahren heute wieder früh los, denn wir wollen in Oravi einkaufen. Vorher aber kommen wir an einem reizenden kleinen Häuschen vorbei. Wir kommen nicht umhin, wir müssen aussteigen u. uns dieses kleine Schloß ansehen. Es ist leer, lediglich der Ofen steht noch. Das ganze Häuschen ist in 2 Räume eingeteilt. Am liebsten würden wir uns hier einnisten. Aber wir müssen ja weiter. In Oravi kaufen wir ein, auch die Zutaten für einen Topfkuchen. Kuddi macht mir einen Ofen aus Bachsteinen, während ich den Kuchen anrühre. Wir sind beide wahnsinnig gespannt, ob es wohl was wird. Ich fette das Kochgeschirr gut ein u. tue den Teig hinein. Alle paar Min. sehen wir nach, ob es was wird. Er sieht schön braun aus, aber leider ist er noch nicht gut. Wir warten noch etwas länger, u. tatsächlich ist er nun gut. Von oben sieht er gut aus, aber an den Seiten ist er ziemlich braun, um nicht schwarz zu sagen. Aber wir sind sehr zufrieden damit. Das ganze Zelt riecht nach dem frischen Kuchen, aber er soll erst am nächsten Morgen gegessen werden.
11. Sept. 1959
Jeder bekommt heute morgen 2 Stücke von unserem Kuchen. Von dem Boden habe ich eine Obsttorte gemacht, Kronsbeertorte versteht sich. Dann geht’s auf zur letzten Fahrt. 2 große Seen legen vor uns. Leider haben wir ungünstigen Wind. Und so kommen wir nur langsam vorwärts.
Die letzten Tage am 12. und 13.09. mit den Faltbooten finden sich nur im Fahrtenbuch.
Am 19.09.1959 reisen sie über Helsinki aus. Es gibt aber einen letzten Eintrag Mariannes am 20.09.1959 auf der Überfahrt mit dem Schiff Oihannen.