Warum sich mit einer Reise der Eltern beschäftigen, die mehr als 65 Jahre her ist?
... weil sie so tolle Eltern waren und ich möchte, dass etwas von ihnen bleibt. Das ist das ganz persönliche Motiv, warum ich mich mit der Reise unserer Eltern durch Schweden und Finnland im Jahr 1959 beschäftigt habe.
Aber ist es auch für Menschen außerhalb unserer Familie von Interesse?
Ich finde schon.
Es ist ein seltenes Zeugnis derjenigen, aus dem Arbeitermilieu kommend, die im Krieg Kind und im Nachkriegsdeutschland jung gewesen sind. Das Ende des Krieges, die Befreiung Deutschlands vom Faschismus ist bei ihrer Reise erst 14 Jahre her. Marianne ist 20 Jahre und damit zur damaligen Zeit noch nicht volljährig, Kurt ist 23 Jahre alt.
Im Jugendheim "Am Lindener Berg" in Hannover - Linden hatten sich meine Eltern kennengelernt. Marianne engagierte sich bei der Esperanto-Jugend und Kurt bei der Sozialistischen Jugend - die Falken. Auf gemeinsam organisierten Fahrten wollten sie der Enge und Dunkelheit des Arbeiterstadtteils Linden-Limmer entkommen.
Die künstliche Sprache Esperanto hat heute wohl kaum noch eine Bedeutung. Für Marianne war das Engagement in der Esperanto-Jugend aber verknüpft mit der Vorstellung sich gegen Ethnozentrismus und für den Weltfrieden einzusetzen. Und so konnten die beiden auf ihrer Reise auf bereits bestehende Kontakte zurückgreifen, neue knüpfen und sich mit den unterschiedlichsten Menschen verständigen.
Mutig und selbstbewusst und offen und solidarisch: so zeigt sich Marianne in ihren Aufzeichnungen. Sie ist diejenige, die auf Fremde zugeht, sich allein auf die Suche nach Einkaufsmöglichkeiten macht und natürlich auch selbst die Stromschnelle runterfahren wird. Sie ist eine starke junge Frau.
Und gleichzeitig ist es eine schöne Liebesgeschichte zwischen den beiden: ihre bis dahin geheimgehaltene Verlobung in Kopenhagen, ihre Freude an den Reiseerlebnissen und aneinander, das gemeinsame Überwinden von Hindernissen und Gefahren.
Vielleicht ist auch die ungewöhnliche Art zu reisen von Interesse. 1958 waren die Kanuwanderer Hannover e.V. als Arbeitsgemeinschaft für Faltbootwandern der Sozialistischen Jugend entstanden. Jede Gelegenheit wurde genutzt, um mit Zug und den Booten ganz Deutschland und bald auch vor allem die skandinavischen Länder zu bereisen.
Marianne schreibt gut: sehr lebendig und doch eher sachlich im Tonfall. Sie schreibt im Präsenz und so sitzt man fast mit im Boot, am Lagerfeuer oder am Tisch der Freunde. Gedanken und Gefühle werden kaum benannt, aber in den bildreichen Landschaftsbeschreibungen klingt das Hochgefühl oder in sparsamen Zeilen die Kälte und der Hunger.
Im Zentrum der Beschreibungen steht das Reisetagebuch Mariannes. Es wird aber flankiert von den Postkarten, die die beiden nach Hause an ihre Mütter schreiben, von dem Brief der Freundin, der postlagernd in Stockholm auf sie wartet und von den Einträgen ins Fahrtenbuch. Kurts Erinnerungen an die Fahrt aus dem Jahr 2011 sind eindrücklich lebendig.
Besonders gut gefallen mir die Fotos. Sie illustrieren zum einen den Text, erzählen aber mitunter auch eine Parallelgeschichte: die Albereien und große Vertrautheit mit den Freund*innen, das Spiel mit Geschlechterrollen wenn Marianne sich einen Bart anmalt und wie ein Räuberbursche aussieht. Sie zeugen vom Glück meiner Eltern.
Mirja Düwel
Bochum, 25.04.2025