Das Trollkind
eine Erzählung
Vor vielen, vielen Jahren, also vor wirklich vielen Jahren reisten meine Eltern mit ihren Faltbooten durch Finnland.
Sie fuhren durch‘s Schärenmeer, über Flüsse, Kanäle und Seen. Sie paddelten gegen den Wind oder ließen sich von ihm bei aufgespanntem Segel treiben. Sie zogen ihre Boote durch‘s Schilf und stürzten Stromschnellen hinab.
Nun waren sie gegen Ende ihrer Reise in Nordkarelien angekommen. Die Nächte wurden schon recht kalt; stürmische und regnerische Tage wurden häufiger. Der Sommer neigte sich dem Ende zu.
Aber ein Besuch stand noch aus. Lilja hatte sie zu sich nach Hause eingeladen. Sie wohnte mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in einem Haus am See. Die Mädchen waren zu Beginn sehr schüchtern, versteckten sich hinter ihren Eltern oder liefen aus dem Zimmer, wenn sie angesprochen wurden.
Doch bald verflog die Schüchternheit. Vor allem die Jüngste, die kleine Mirja, Mirki genannt, suchte die Nähe meiner Eltern. Sie warf mit meiner Mutter Kiesel in den See oder zog meinen Vater zur Schaukel hinter dem Haus. Wild und übermütig schien sie immer in Bewegung, hüpfte um meine Eltern herum oder tanzte vor ihnen her.
Nur wenn sie abends an ihrem kleinen Kinderwebrahmen saß, war sie ruhig und konzentriert. Sie webte einen schmalen, langen Läufer. Er hatte ein seltsames Muster, das sich fortlaufend in Farbe und Formen veränderte und doch vorangegangene Motive immer wieder aufzugreifen schien.
Am letzten Tag wollten meine Eltern noch Liljas Mutter, die Mummi, besuchen. Sie wohnte auf einer kleinen, benachbarten Insel. Nur die kleine Mirki begleitete meine Eltern; ihre Schwestern mussten zur Schule und Lilja und ihr Mann machten Besorgungen. Für die Überfahrt zur Mummi nahmen sie das Ruderboot. Die Sonne schien noch einmal warm, aber es war Wind aufgekommen. Mein Vater musste sich ordentlich in die Ruder legen.
Die Mummi begrüßte meine Eltern am Anlegesteg und lud sie freundlich ins Haus. Meine Eltern erzählten von ihrer Reise und davon wie gut ihnen Finnland gefiel. Während die Mummi Kaffee einschenkte und vom Zimtstollen etwas auf die Teller legte, tollte die kleine Mirki durch‘s Zimmer.
Meine Mutter sagte auf Deutsch, was für ein lebendiges und liebenswertes Kind die Kleine doch sei und mein Vater übersetzte es der Mummi in seinem neuerlernten Finnisch.
„Sie ist ein Kind vom Peikko“, sagte die Mummi auf Finnisch. „Peikko?“ Das Wort kannte mein Vater nicht und schlug es in seinem kleinen Wörterbuch nach. „Ein Kind vom Troll?“ Meine Eltern sahen sich fragend an. Machte die Mummi einen Scherz? „Peikko?“, wiederholte mein Vater. Die Mummi nickte ohne ein Lächeln.
„Wenn wir eine Tochter bekommen“, sagte meine Mutter, „werden wir sie Mirja nennen.“ Als mein Vater ins Finnische übersetzte, kam die Kleine an den Tisch, krabbelte ihrer Oma auf den Schoß und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
„Sie möchte Eurer Tochter von ihrer Gabe abgeben“, sagte die Mummi und wies mit halber Handbewegung auf den Webstuhl in der Zimmerecke. „Von ihrer Gabe?“, mein Vater war sich nicht sicher, richtig verstanden zu haben. „Ihrer Gabe zu weben?“, fragte er. Die Mummi schüttelte den Kopf.
„Sie sieht das Neue im Alten und erinnert im Neuen an das Gewesene. Sie macht die Übergänge leichter. Sie macht Freude an Veränderung.“ Meine Eltern wussten nicht recht, was sie damit anfangen sollten. Mein Vater wiederholte auf Finnisch: „Übergänge leichter, Freude an Veränderung?“ Die Mummi nickte wieder ernst und die Kleine klatschte strahlend in die Hände, als es schien, dass meine Eltern verstanden hatten.
Die Mummi wirkte nun etwas erschöpft. Auch hatte der Wind inzwischen dunkle Wolken über den See getrieben. Es war Zeit aufzubrechen. Auf der Rückfahrt hatten sie den Wind im Rücken. Aber die Wellen waren wild und hoch und mein Vater hatte Mühe, das Ruderboot auf Kurs zu halten. Auf der Rückbank hatten sich die kleine Mirki und meine Mutter eng aneinander geschmiegt.
Am nächsten Tag verabschiedeten sich meine Eltern von Lilja und ihrer Familie. Es war ein tränenreicher Abschied, denn das Zusammensein war voll Wärme und Herzlichkeit gewesen.
Meine Eltern mussten mit ihren Booten noch bis Helsinki und setzten von dort mit der Fähre nach Deutschland über. Ihre Reise war zu Ende.
Als ich geboren wurde, war ich rund und kräftig und hatte keine Haare auf dem Kopf. „Wie ein Kiesel am Seeufer“, sagte meine Mutter. Meine Eltern hielten ihr Versprechen und gaben mir den Namen des kleinen Trollkindes.
Diese Begebenheit haben meine Eltern mir nie erzählt; ich habe nur den Faden aufgenommen; die Geschichte ist erfunden. Ich wollte an das Vergangene erinnern und mich daran, mich auf das Neue zu freuen.
Mirja Düwel Pylos, 12.10.2025