Kurt erinnert sich

Im Jahr 2011 habe ich mit meinem Vater ein mehrstündiges lebensgeschichtliches Interview geführt und auf Kassette aufgenommen. Darin erinnert er sich auch an die Reise nach Schweden und Finnland im Jahr 1959.

Kurt: … und wollten dann auch zusammenbleiben. Und sind zusammen nach Finnland gefahren oder wollten nach Finnland fahren. Da hat die Schwiegermutter gesagt: „Mit dem Mann fährst Du nicht weg; Ihr seid noch nicht einmal verlobt und jetzt hier wegfahren...“ „Wieso, was willst Du denn machen, wenn ich einfach wegfahre?“ „Ja, dann sage ich dem Jugendamt Bescheid; dann kommt das Jugendamt und holt Dich ab.“ Denn sie war ja ..


Mirja .. noch nicht 21. 


K: Noch nicht 21. Sie war ja - das war ’59 -, da muss sie doch schon 21 gewesen sein.


M: Mutti hat mal erzählt, dass der Standesbeamte meinte: „Ach, Sie hatten’s jetzt aber auch eilig; gerade sind Sie volljährig geworden und dann heiraten Sie schon.“ Das heißt …


K: ’39 geboren. Ach, nee, 21 muss sie ja sein, ’60; 1960, ja richtig, am 14 Januar 1960 sind wir dann zum Standesamt gegangen.

Ja, ich habe dann Verlobungskarten gedruckt. Und wir hatten uns dann verabredet: Wir fahren am 1. Juli, fahren wir los und schicken, verloben uns in Kopenhagen und schicken von Kopenhagen die Verlobungskarten. Und wir wollten so lange bleiben wie es geht. Längstens ging es ein viertel Jahr. Denn du konntest ohne Visum einreisen in Skandinavien, aber das galt für ganz Skandinavien, nicht für jedes Land extra, ein viertel Jahr. Und das hatten wir uns dann vorgenommen; das wollten wir wenigstens so machen. Wir sind etwas eher zurückgekommen. Juli, August, September, also wir sind so irgendwie Mitte September sind wir wieder zurückgekommen. Da wurde es auch schon ganz schön kalt. 

Sind dann losgefahren nach Kopenhagen, haben im Zug natürlich schon unsere Ringe aufgesetzt. 

Das war auch spannend, als wir die Ringe gekauft haben. Also da wo jetzt das Kröpke-Center ist, und wo jetzt umgebaut wird, da war ja vorher auch was, aber das war nur so’n Erdgeschoss war das nur, und da war unter anderem ein Juwelier und Trauringe hatte der. Und da haben wir dann die Trauringe gekauft und angeguckt, ja so’n schöner Anblick. Und weil wir nicht wussten, wann wir heiraten wollten, haben wir dann, ich glaube, das steht da drin; können wir ja nachgucken: 3. Juli 1959, das war der Tag, wo wir uns verlobt haben. Das haben wir schon eingravieren lassen und dann eben Kurt und Marianne, eben bei mir ‚Marianne‘ im Ring und bei Marianne ‚Kurt‘ im Ring. Und dann natürlich jetzt: „Mensch, was…“, haben wir den Ring da zwar aufgehabt, aber dann wieder eingepackt und dann: „Ach, Mensch, Marianne, irgendwie müssen wir den doch nochmal überprobieren.“ Und dann sind wir irgendwie in der Theaterstraße in ein Bürohaus gegangen, sind mit dem Fahrstuhl nach oben gefahren und die Ringe übergezogen und als wir wieder unten waren, konnten wir sie wieder abziehen, da hatten wir das ja mal gesehen, wie es ist. Aber dann haben wir die nicht, dann haben wir die versteckt gehalten, denn das sollte ja keiner wissen, dass wir uns verloben wollten. 

Und dann sind wir losgefahren und im Zug haben wir die Ringe schon aufgesetzt, damit wir dann da schon, entweder wie so’n Ehepaar oder wie sonstwie Leute ankommen. Und sind dann in Kopenhagen zum Fremdenverkehrsbüro gegangen, das war im Bahnhof gleich und haben uns da ein Hotelzimmer, also ein Pensionszimmer geben lassen und sind dann da hingefahren. Haben Kopenhagen angeguckt, sehr schön, also, wunderbar überall rumgelaufen und abends sind wir dann im Tivoli gewesen. Allerdings, wir hatten ja noch sehr viel vor, das heißt, wir konnten nicht so auf’n Putz hauen. Und Tivoli ist ja immer schon teuer gewesen. Was wir allerdings gemacht haben, dass wir mit der Achterbahn da gefahren sind und das war eine, für damalige Verhältnisse, eine recht wilde Achterbahn, da fuhr extra ein Bremser vorne mit so, ne. Ja, war schon schön. 

Und dann sind wir weitergefahren nach Finnland, erst nach, sind wir noch rübergefahren über den Öresund nach Malmö mit dem Schiff und von da aus weiter mit dem Zug - denn wir hatten ja kein Auto mit; wir hatten ja alles mit dem Zug gemacht - nach Lund. Das ist eine der bedeutendsten Universitätsstädte in Schweden und da hatte Marianne zwei Freunde, ein befreundetes junges Paar, die beide da studierten: Kerstin und Okå. Und die haben wir da besucht. Und die haben sich gefreut, dass sie jetzt von Marianne mal was gehört haben. Und dann haben wir gesagt, was wir vorhaben, oh, das fanden sie interessant. 

Und dann sind wir weitergefahren mit dem Zug nach Örebro. Das liegt in der Mitte von Schweden. Und von da aus wollten wir dann auf’m Wasserwege bis nach Stockholm paddeln. Und wenn es irgendwie geht auch noch über die Ostsee rüberpaddeln bis nach Finnland. Das letzte das war ‘ne Schnapsidee. Das geht natürlich. Aber nicht zwei alleine, also und das hatte keinen Sinn. Naja, aber das andere das klappte. Also wir hatten ja die Boote, die hatten wir ja, ich weiß gar nicht, ob wir die aufgegeben haben, ich glaube, die hatten wir aufgegeben, jawoll, die hatten wir aufgegeben und die mussten wir beim Zoll abholen. Haben wir da in Örebro beim Zoll abgeholt. Und dann sind, war schon am Nachmittag, verhältnismäßig spät und wussten nicht: „Ja, was machen wir denn jetzt, wo gehen wir denn jetzt hin, ja Mensch, wir kennen keinen Menschen.“ 

Und da sieht Marianne so’n großes Leucht-, also so’n Schaukasten, wo so’n Plakat, drinsteht ‚Lernen Sie Esperanto!“ in Schwedisch und ‘ne Telefonnummer. „Also, na, das ist doch was, hier ist ‘ne Esperantogesellschaft, wir rufen da an sofort.“ Sie war ja dann immer schnell bei der Hand, sofort angerufen und da war ‘ne Frau am Telefon, die aber kaum Schwedisch sprach, von Esperanto überhaupt nicht zu reden, das war nämlich die Putzfrau. Diese Adresse, die da war, das war ein, eine Firmenadresse, und zwar: Der Chef von der Firma, das war ein Esperantist und der wollte Esperanto fördern und war dann bereit, eben während der Dienstzeit jemand zu beraten und empfehlen, wo er hingehen kann, um Esperanto zu lernen. Und wir, und Marianne denn, lässt ja nicht locker, sagt dann: „Esperanto“ und irgend sowas und dann hat die kapiert, äh, ja, sie sollte dranbleiben oder irgendwas, jedenfalls hat sie Verbindung zu der Familie gekriegt, zu Hause, weiß ich gar nicht wie die hießen. 

Und, äh, die sagten: „Bleibt, wo Ihr seid, wir kommen und holen Euch ab.“ Nun kam er mit seinem großen Volvo und seiner Frau. „Das ist doch kein Problem für uns mit dem Volvo.“ Und dann hat er unser Gepäck gesehen: „Oh, das ist doch ein Problem.“ Hehe. Denn wir mussten ja nun auch noch mit. Aber es hat eben geklappt. Und er hat uns zu sich nach Hause eingeladen und hat gesagt: „Es geht allerdings nicht, dass wir Euch im Gästezimmer schlafen lassen, denn die nächsten Tage kommen unsere Kinder nach Hause, die studieren noch.“ Ich weiß nicht, einer in Uppsala und einer in ?, ich weiß nicht, wo die studierten. Und, äh, dafür muss das Gästezimmer hergerichtet sein. „Nein“, sagten wir, „das macht uns doch auch nichts aus, wir haben ja ein Zelt dabei.“ Und dann haben wir bei denen im Garten unser Zelt aufgebaut und da geschlafen. 

Und er ging am nächsten Morgen zur Arbeit und seine Frau - also das waren nicht mehr ganz junge Leute, die waren vielleicht an die 50, also er etwas über 50. Und die Frau hat sich dann mit uns ganz schön unterhalten, insbesondere mit Marianne, weil das mit Esperanto schön klappte. Mein Esperanto war nicht so doll. Und sie hat dann Mittagessen gekocht und wir haben dann da gegessen und weil es Donnerstag war, das typisch schwedische Donnerstagsgericht, nämlich Erbsen-, Linsen- oder Erbsensuppe. Ein konservativer Schwede hält sich an das, was Gustav Vasa gemacht hat, der hat donnerstags Suppe gegessen. Gut, natürlich blieb es nicht bei der Suppe, es gab dann anschließend noch Pfannkuchen oder sowas dann nachher, aber das war richtig typisch, so. 

Das war ‘ne gut situierte Familie. Sein Vater hatte den Ytong-Stein erfunden; ich weiß nicht, ob Dir das was sagt. Das, ja, OK, und dann, für schwedische Verhältnisse war das gut, für heutige, für unsere Verhältnisse war das sehr einfach, wo die gewohnt haben, das war wirklich nur so’n kleines Einfamilienhaus, aber wirklich nur ein kleines, nicht für einen, der nun so’n Ding erfunden hat und das geerbt hat. Weiß ich nicht, ob er überhaupt das geerbt hat oder was, spielt ja auch keine Rolle. Also waren sehr nette Leute und nachmittags hatte er ja dann frei, dann sind sie mit uns durch die Gegend gefahren, hat er uns alles Mögliche gezeigt, unter anderem den Wasserturm, kein technisches Wunder, aber ‘ne technische Schwierigkeit, eben so’n großes Ding, in der Höhe zu gießen, so aus Beton, so’n Riesending, so’ne große Schale und dann da drunter so’n schmaler Schacht (?). Ich weiß nicht mehr genau, hat er uns auch erzählt, wie das gemacht wird, aber weiß ich nicht mehr. Und dann am nächsten, also am Wochenende dann, haben sie uns noch mal eingeladen, auch mit einem anderen Paar, die auch Esperantisten, das war ein Angestellter von ihm, und Marianne hat sich mit denen unterhalten und ich mit dem Mann. Denn das hatte er inzwischen festgestellt, dass ich ja vorher etwas Schwedisch gelernt hatte. Ich konnte mich ein bisschen, ein bisschen konnte ich mich wirklich unterhalten mit den Leuten. Denn das war ja noch ganz neu und wenn Du in Übung bist, dann geht das auch so. Also haben wir uns unterhalten und dann haben wir … 

Das war ganz gut, dass wir uns verlobt hatten, dass wir den Ring hatten und dass wir dann sogar die Verlobungskarte hatten. Haben wir gesagt: „Hier aus Kopenhagen, hier unsere Verlobungskarte.“ Das fanden sie dann schon ganz beeindruckend. Und dass das ordentliche Leute waren. So, naja. 

Und dann haben wir natürlich auch Verlobungsgeschenke gekriegt. Die ganze Zeit haben wir immer Verlobungsgeschenke gekriegt. Von denen eine wunderschöne Tischdecke, so groß, nur inzwischen ist die vom häufigen Gebrauch zerschlissen. Also ist ja nun über 60 Jahre her. Und da waren die schwedischen Provinzen, die haben alle ein bestimmtes Tiersymbol, das sind reine Touristengeschichten, die einen haben einen Bär und die anderen haben ‘nen Elch oder sowas. Denn, und das wird, das taucht dann in der Reklame für diese Region immer wieder auf. Die Regionen gibt es offiziell ja heute gar nicht mehr, sondern die haben ja heute so’ne Verwaltungsreform gehabt, die ist noch viel drastischer als unsere, so. Oder es gibt die andere Sorte, das ist eine Pflanze rundherum und dieses war denn ‘ne Decke, wo rundherum die Pflanzen aus den verschiedenen Provinzen waren. Ich glaube, wo wir da waren das war Dalsland, ich glaube, das war das Vergissmeinnicht, also war das so’n Strauß Vergissmeinnicht. Und naja das ist, und das haben sie uns geschenkt. Gut, dann hatten wir also ‘ne Tischdecke da gekriegt für den Rucksack. 

Und nachher ging es, haben wir ja andere Leute noch kennengelernt, die haben uns dann, hier diesen, na hier ist er jetzt nicht oder doch da unten, das haben wir in Finnland gekriegt, diesen Zuckerlöffel mit dem Pfeil und Bogen da. Das ist das Wappen von Savo. Naja und dann sind wir von da aus gestartet, dann hat er gesagt: „Gut, ich bringe Euch zum Fluss.“ Sind wir zum Kanuverein gefahren, der lag da am Fluss, der Svart On, der schwarze Bach oder schwarze Fluss, der fließt da in den Hjälmaren-See und an dem Fluss liegt der Kanuverein. Das war kein abgeschlossenes Gelände, so dass wir da drauf konnten. Er hat unser Gepäck ins Auto gepackt. Und wir haben ja zwei Bootswagen gehabt und sind durch den Ort mit unseren Booten, sind da hin gefahren, okay, dann haben wir da die Boote liegen gehabt und haben das Gepäck da liegen gehabt. „Also, dass Ihr in diese Boote reinpasst, das glaube ich ja jetzt“, sagt er denn, weil er vorher gar nicht geglaubt hat, dass sowas geht, aus diesen beiden Beuteln, das man da ein Boot bauen kann. „..das glaube ich ja, aber das Gepäck kriegt Ihr nicht mit.“ Und nun habe ich nicht gesagt, wollen wir wetten und so. „Doch“, sag‘ ich, „Das passt da alles rein, wir, es ist ja nicht das erste Mal, dass wir so eine größere Tour machen.“ Und dann ‘nen Boot ins Wasser und dann alles, wir wussten ja wo was hinkommt, ja, das war vielfach geübt, so. Und dann ja, dann ging’s los. Dann konnten wir da starten. Haben uns verabschiedet und sind dann auf den Hjälmaren-See gefahren. Und das war dann eine sehr lange Reise. Aber das würde noch mal ‘nen neuen Roman geben, was wir bei dieser Kanutour erlebt haben, also das hat jetzt keinen Sinn. Es war sowas von aufregend und schön und spannend, was wir da erlebt haben. An Leuten, die wir kennengelernt haben. Oder auch aufregend, richtig gefährlich teilweise ja auch. 

M: Papa, dann klammern wir das jetzt aus und vielleicht ist wann anders noch mal Gelegenheit, dann können wir das dann nochmal. 

K: Ja.